Das Kornhaus – seine Geschichte, Bedeutung und Zukunft

Foto: Kornhaus Meißen Quelle Wikipedia

Das Kornhaus zu Meißen 

Wie der Namen schon sagt, ist das Gebäude eigentlich ein reiner Zweckbau, der 1493 im Zuge der Meissner Burg-/Schlosserweiterung fertiggestellt wurde.

Der Bau erfuhr im Laufe der Jahrhunderte eine dreifache Aufwertung, die sich jedoch seiner baulichen Umgebung verdankt, nicht jedoch der eigenen architektonischen und nutzungsgeschichtlichen Qualität:

  • Die Albrechtsburg gilt als erster, eigentlicher Schlossbau in Deutschland. Nach 1470 wurde aus einer großen Wehranlage ein repräsentatives Residenzschloss, an dem über Jahrzehnte immer weiter gebaut wurde. Der Glanz des Hauptgebäudes fiel sodann immer auch wieder auf die gesamte bauliche Umgebung und auf die Stadt am Fuße des Burgbergs. Meißen glänzt also von oben herab.
  • Anfang des 18. Jahrhunderts (1710) erkor August der Starke die „Albrechtsburg“ (der Name stammt von 1676) zum Laboratorium für den Alchimisten und experimentellen Chemiker Johann Friedrich Böttger, der dort das legendäre erste Meissner Porzellan erfand. – Wer heute den Begriff „Mythos Meißen“ bei „Google“ eingibt, stößt nicht etwa auf lokale Mythen einer sächsischen Mittelstadt, sondern aufs Porzellan, ohne dass man Meißen außerhalb Sachsens wohl kaum kennen würde.
  • Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das bis dahin eher vernachlässigte, durch den Manufaktur-Betrieb in Mitleidenschaft gezogene Kornhaus mit repräsentativen Wohnräumen für die königliche Familie Sachsens ausgestattet. Die Porzellan-Manufaktur hatte 1863 ein neues Fabrikgebäude im Triebischtal erhalten.
  • Weiterhin aber geschah, was schon ab 1524 oftmals der Fall war. Die eigentliche Residenz der sächsischen Herrscher lag in Dresden, zeitweise auch in Torgau. Das Schloss blieb über fast zwei Jahrhunderte weitgehend unbewohnt. Und das galt ebenfalls für das nun aus- und umgebaute Kornhaus im 19. Jahrhundert 
  • Ideell aber war das Herrscherhaus auf andere Weise äußerst präsent – nämlich im Bildprogramm des ab 1863 restaurierten, im Innern leicht rekonstruierten umgebauten und opulent ausgeschmückten Hauptgebäudes der Burg, die zu einem „sächsischen Erinnerungsort“ umgestaltet wurde (dazu s. u.). 

Wie man „Erinnerungsorte“ und „Mythen“ schafft

Der aktuelle Führer zur Albrechtsburg beginnt mit den Sätzen: 

„Der Meißner Burgberg ist das Herzstück der sächsischen Geschichtstradition und ein mythischer Erinnerungsort. Mit Albrechtsburg und Dom trägt er gleich zwei erstrangige Landessymbole, die überdies jeweils architektonische Meisterwerke sind. Die Gründung der Meißner Burg im Jahr 919 gilt gemeinhin als Beginn der sächsischen Geschichte.“

Diese Sätze sind geschichtspolitische Setzungen, die umso mehr verblüffen, als sie von zwei Historikern stammen, die die Genese und die Gestalt sächsischer Selbstbilder und Auto-Stereotypen eigentlich immer wieder auch kritisch dekonstruiert haben.

Unstrittig sind allein die architektonische Qualität und Schönheit in der Anmutung von Dom und Burg.

Die sächsische Geschichtstradition gibt es nicht, sondern nur ein Ensemble von Überlieferungen und Deutungen, die je nach Zeit, Verwendungszweck, politischer Wirkungsabsicht und sozialer Milieuzugehörigkeit einer stetigen Veränderung (und gesellschaftlichem Streit) unterliegen.

„Herzstück-Erzählungen“ sind intentionale Zuschreibungen auf Geschichte und Gesellschaft, die ebenso wenig stimmen und selbsterklärend sind wie die Tatsache, dass das menschliche Herz in der Körpermitte liegt. (Es kommt nämlich auf die jeweiligen Dimensionen des individuellen Körpers an.) So galt nach Erfindung der „Weimarer Klassik“ das thüringische Kleinstädtchen plötzlich als „Herz deutscher Kultur“ in „Deutschlands Mitte“. Um 1900 gab es Geographen und Publizisten, die das „Herz Europas“ in der Nähe der Dresdner Frauenkirche vermuteten.

„Erinnerungsorte“ sind gedachte Orte im ebenso konstruierten „kollektiven Gedächtnis“ einer sozialen Formation (so die basale Theorie des franz. Historikers Pierre Nora). Diese „Orte“ können reale Orte, sein, Meistererzählungen, große Persönlichkeiten, wichtige Ereignisse, Legenden oder eben auch Mythen. „Mythische Erinnerungsorte“ aber wäre eine Duplizierung des Gemeinten. Im Band „Sächsische Mythen“ ist gleich ganz Meißen ein „Mythos“!

Manchmal ist vom Burgberg Meißens als „sächsischer Akropolis“ die Rede, andere sprechen gar vom „Olymp“. Im 19. Jahrhundert erhielt der bildkünstlerisch ausgeschmückte Palas den Namen “sächsische Walhalla“. Es geht also mit solchen Namensgebungen – Berlin sei „Spree-Athen; Weimar „Ilm-Athen“; Dresden „Elb-Florenz“ oder gar das „Venedig des Nordens“ – um Bedeutungszuschreibungen und -erhöhungen, die Aufmerksamkeit erzeugen wollen (auch für touristische Besucher).

Doch solche Epitheta rufen auch Fragen auf, die bisweilen ganz woanders hinführen als nur nach Meißen – und unter Umständen auch unangenehm sind: Die berühmte Akropolis lag und liegt in der Hauptstadt von Griechenland. Eine „sächsische“ Akropolis müsste also eigentlich in Dresden stehen. „Olymp“ lässt danach fragen, welche Götter denn oberhalb von Meißen thronen. Im Dom herrscht in jedem Falle nur ein Gott, der jedoch andere Eigenschaften besitzt als das Personal des heidnischen Götterhimmels. Und wenn man den Burgberg erklimmt, ist man dann wirklich auf dem Weg nach „Walhall“, den in der germanischen Mythologie (und auch noch bei Richard Wagner) eigentlich nur tote Helden beschreiten. Walhall kennt außerdem keine Rückwege, was Touristen verunsichern könnte.

Dass Burgen meist auf Bergen und über Ortschaften liegen, nicht aber in Tälern und Schründen, hat strategische Gründe, kann man sich doch auf Bergen besser verteidigen, sieht den Feind eher und kann die eigene Stadt besser kontrollieren. Wir sind zudem kulturell daran gewöhnt, dass das, was „oben“ liegt, das Wichtigere, Mächtigere und Bedeutendere ist, als das im Tale. – „Auf den Bergen die Burgen, und im Tale die Saale“ heißt es in einem Gedicht; und „Jenseits des Tales standen unsre Zelte“ sang die Jugendbewegung. 

Das offizielle „Landessymbol“ Sachsen dürften wohl das aktuelle Wappen und die Landesfahne sein, der Burgberg über Meißen aber war im Laufe von Jahrhunderten ein Herrschaftssitz unterschiedlicher territorialer, konfessioneller und geographischer Zugehörigkeiten. Es wäre also zu fragen, welches „Land“ dort symbolisch repräsentiert wird. Das heutige, demokratische Sachsen wohl kaum, auch wenn der Freistaat dort oben feierlich neu begründet wurde (3. Oktober 1990). 

Die „sächsische Geschichte“ 919 beginnen zu lassen ist eine erinnerungskulturell und politisch bedeutsame Setzung, die im 19. Jahrhundert sowohl erfolgte als zugleich auch wissenschaftlich bezweifelt bzw. differenziert worden ist.  Was jedoch in jedem Falle mit dieser Datumssetzung funktioniert, ist die Marginalisierung der Vorgeschichte, d. h. auch der slawischen Besiedlung sowie die implizite Negation der Tatsache, dass nach 919 um die Vorherrschaft im Territorium zwischen deutschen Fürsten, böhmischen und polnischen Aristokraten, Kirche und Hof heftig weiter gestritten worden ist. 

Krieg und Kampf sind damit auch Bestandteile sächsischer Geschichte und gehören zum Problemkomplex der deutschen Territorialisierung, die auch nach 1871 nicht zu einer wirklichen Einheit fand. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ sind und bleiben Ideale für eine staatliche Wirklichkeit, die oftmals dahinter zurückgeblieben ist.

Das Datum 919 gilt nicht „gemeinhin“ als wichtig, sondern ist ein Konstrukt und Sehnsuchtsort der politischen Elite und des deutschen Bildungsbürgertums (nicht nur Sachsens), das mehr über die Gegenwart des 18./19. Jahrhunderts verrät, als über das Frühmittelalter und den Aufstieg eines sächsischen Fürsten zum deutschen König und Kaiser.

„Geschichte(n) für‘ s Volk“  oder: Das Kornhaus lebt im Glanz von nebenan

Einst hieß es: „Wenn ihr wissen wollt, wie es weitergehen soll, dann müsst ihr das Kommunistische Manifest und den zweiten Teil von Goethes Faust lesen“ – so ein dem Sinne nach überliefertes Diktum Walter Ulbrichts.

Im Hauptsaal der Albrechtsburg verrät dem staunenden Volk ein prächtiges Bildprogramm., wie es denn mit Sachsen und dessen Geschichte in alter Zeit einst begonnen haben soll. Dort ernennt König Heinrich I. nach der „Befriedung“ der Region, also nach der Niederlage und Vertreibung der slawischen Urbevölkerung, den ersten Burggrafen vom Meißen und begründet damit zugleich diese Stadt – was so nicht zutrifft.

Die archäologisch geborgenen Holzreste der ersten Burg von „Misia“ sind eher um 929 datiert; der erste Markgraf in Meißen wird ca. 965 von Otto dem Großen eingesetzt, das Bistum Meißen 968 begründet. Und erst im 12. Jahrhundert gelingt es den Wettinern Stadt und Burg Meißen zu einem Zentrum ihrer mitteldeutsch-sächsischen Herrschaft zu machen, die in den folgenden drei Jahrhunderten umkämpft bleibt (auch unter Verwandten), die Leipziger Teilung erfährt (1485) und weitere innere Risse nach der Reformation mit sich trägt – eine Geschichte, die alles ist (spannend, lebendig, erschreckend…), aber nicht eindeutig.

Eben das aber soll das Meißner Bildprogramm stiften: Eindeutigkeit, das Bild eines aufrecht zu immer größerer Machtfülle strebenden, sächsisch-wettinischen Markgrafen-, Herzogs-, Kurfürsten- und Königshauses; die harmonische Einheit von „Volk“ und „Herrschaft“ – und der Triumph der „deutschen“ Sachsen über die Nachbarvölker, die schon rein optisch eher unheimlich und fremd wirken auf diesen Bildern. 

Das Meißner Bild-Projekt ist eine geschichtspolitische Projektion (treffend skizziert und interpretiert in der neuen Forschung) und stiftet darüber hinaus eine kluge Geschichtserzählung, nach der die sächsische Geschichte ein integraler Teil der deutschen ist, ja dass die deutsche Reichsgeschichte recht eigentlich in Sachsen – und nicht in Preußen – begann. Das klingt vor 1871 anders als nach der Reichsgründung mit „Blut und Eisen“ – und hält danach den Dualismus von Preußen und Sachsen sowohl am Leben als es ihn zugleich vermittelt.

Von derartigen Projektionen hatte auch das Kornhaus etwas, das in den letzten beiden Jahrzehnten allerdings am Rand der städtischen und staatlichen Aufmerksamkeit gelegen hat. Das nunmehr sanierungsbedürftige Bauensemble ist allenfalls ein Symbol für nicht die eingelösten Versprechen eines Investors, der dort ein Luxushotel einzurichten versprach – was aber nie geschah.

Warum möchte die AfD ins Kornhaus – Vermutungen

Das Objekt dürfte auf dem Immobilienmarkt vergleichsweise preiswert angeboten werden.

Wichtiger aber ist, dass man sich mit dem Erwerb des Kornhauses in eben diejenige geschichts- und erinnerungspolitische Topgraphie einschreibt, die hier in Umrissen skizziert worden ist. Man ist dann mit dem Kornhaus gewissermaßen in der angeblichen Herzkammer der deutschen und sächsischen Geschichte angekommen, ja im Gründungsort des Freistaates selbst. Und der „Traum vom Reich“ wird am besten dort laut geträumt, wo er einmal angeblich begonnen hat.

Zudem hat man mit einem Schulungszentrum für die Kader der AfD endlich den Traum verwirklicht, den einzelne neue Rechte und diese Partei seit langem träumen, nämlich eine radikal nationale Geschichtserzählung in der eigenen Gefolgschaft mehrheitsfähig zu machen und intellektuell auszugestalten,  an der die deutsche Rechte seit den 1920er Jahren strickt. 

Dazu aber braucht man einen Ort. Die Geschichte der konservativen Revolution und der jüngeren Neuen Rechten ist voll von Initiativen und Projekten, die die „geistige Keimzelle“ eines “anderen Deutschlands“ entwerfen und erinnerungspolitisch entwickeln wollten. Dazu gehören etwa schon die „Lippoldsberger Dichtertage“ (1934 begründet, 1939 eingestellt; nach 1949 bis 1981 wieder aufgenommen) der Holle Grimm (Tochter des völkischen Schriftstellers Hans Grimm), das relativ junge „Institut für Staatspolitik“ von Götz Kubitschek (seit 2000); das „Deutsche Kolleg“ (seit 1994) sowie zahlreiche Leser- und Freundeskreise ultrakonservativer, neurechter und völkischer Zeitschriften bzw. der entsprechenden Verlage.

Worum es dabei in zahllosen Varianten geht, ist in dankbarer Deutlichkeit manifestiert im Pamphlet „Dresdner Schule“ (2005) des damaligen NPD-MdL Jürgen Gansel, das sich explizit gehen die angebliche Dominanz und auf „das Deutschtum“ zerstörend wirkende „Frankfurter Schule“ richtet. 

Im Kern geht es dabei gegen den, das nationale Selbstbewusstsein der Deutschen angeblich schwächenden, „Schuldkult“. Es soll künftig zur Marginalisierung der Erinnerung an Krieg, Shoah und Völkermord in der offiziellen deutschen Erinnerungskultur kommen. Echte Nazis wollen den Nationalsozialismus dabei nachträglich legitimieren; klügere Neue Rechte jedoch nur marginalisieren zur „Vogelschiss“-Variante der deutschen Geschichte. Zudem geht es gegen die „Islamisierung“ Deutschlands, Europas und des „Abendlandes“, gegen deren totale „Amerikanisierung“, gegen die zeitgenössische Dekadenz „deutscher Werte“ sowie gegen alle unliebsamen Erscheinungen der kapitalistischen Globalisierung (die wirklich unangenehm sein kann).

Fremdenangst und -feindlichkeit, antimuslimische und antisemitische Stereotypen, Positionen gegen den “Genderwahn“, Elitenverachtung und Medienschelte sind unverzichtbare Ingredienzien eines dichotomischen Weltbildes, das auf Freund-Feind-Schemata setzt und letztlich politische Erlösungsversprechen von allen Übeln der Spät- und Postmoderne formuliert und intensiv versucht, mehrheitsfähig zu machen. Parteikader sollen all das kennen, um es dann weiter zu tragen…

Was wäre ein Kornhaus in der Hand der demokratischen Zivilgesellschaft?

Ein Kornhaus in öffentlicher und zivilgesellschaftlicher Hand könnte ein Kultur- und Begegnungszentrum sein, das auch immer einmal wieder von den politischen Repräsentanten des Freistaates genutzt werden könnte, alltäglich aber von den Vereinen und Verbänden, Bürgerinitiativen und Projekt Meißens und seines Umlandes.

Es könnte zum Ort des respektvollen Streits um das Selbstbild Sachsens sowie für Fragen und Debatten dazu genutzt werden, was denn “sächsische Identität“ einmal war, aktuell ist und künftig sein sollte. 

In der Nachbarschaft eines künstlerisch-architektonischen Gesamtkunstwerks, also der umgestalteten und restaurierten Albrechtsburg, die einstmals der bewussten Inszenierung sächsischer Staatlichkeit und der Konstruktion „volkstümlicher“ sächsischer Selbstbilder diente – dies im Kontext der damaligen „Sachsen.-Renaissance“, die im veränderten Gewand nach 1989 wiederkehrte –  in diesem Kontext also wäre zu fragen, wie sich Freistaat und Bevölkerung heute selbst verstehen, wie offen, tolerant, aber auch selbstbewusst, man im Austausch mit anderen Menschen, regionalen Zugehörigkeiten und Kulturen sein möchte und wie sich das heutige Sachsen ins heutige Deutschland integriert hat und einfügen sollte. 

Die gesellschaftspolitischen Debatten der letzten Jahre haben leider auch gezeigt, dass bestimmte populäre Sachsen(selbst)-Bilder allzu anschlussfähig sind an nationalkonservative, neurechte oder gar völkische Diskurse über „das Sächsische“ und „das Deutsche“. 

Das Kornhaus könnte u. a. zum Lernort echter sächsischer Weltoffenheit werden, ein Gedächtnis- und Erinnerungsspeicher, ein Laboratorium demokratischer Künste und Wissenschaften und ein deutlicher Gegen-Ort zur dominant adelig-aristokratisch inszenierten, bisweilen gar dominierten, sächsischen Kulturlandschaft und deren Aneignung durch das Publikum.  So könnte ein Kornhaus zum Speicherneuer Körner einer anderen Geschichte des Ortes, der Stadt Meißen und Sachsens werden – ohne das große und ästhetisch-kulturelle Erbe der Vergangenheit zu marginalisierten.

Justus H. Ulbricht, Dresden, 27. Mai 2022

Hier der Beitrag "Kauft die AfD Sachsens Kornhaus?" im ZDF - heute.