Die Kultur macht den Unterschied.

Foto: Frank Richter

Der Protest der Künstler zwingt zum Nachdenken.

Der Unterschied konnte größer kaum sein. Als die Bewegung der „Querdenker“ vor 14 Tagen zur Demonstration gegen die Corona-Schutz-Anordnungen ins Leipziger Zentrum eingeladen hatte, waren über 30 000 aus dem ganzen Bundesgebiet gekommen. Heute, am Sonnabend vor dem 1. Advent, beim stillen Protest der Kulturschaffenden, versammelten sich ca. 80 Personen. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Musiker, die Schauspieler, die Clowns, die Chorsängerinnen und Sänger, die bildende Künstler und einige wenige Verbandsvertreter und Kulturpolitiker mehr oder weniger unter sich waren. Es fühlte sich irgendwie an wie beim Klassentreffen. Kaum ein Passant, der stehen blieb. Keine TV-Station, die mit der Kamera drauf hielt. Keine Interviews, die am Rande des Geschehens geführt wurden. Keine schrillen Lautsprecheransagen vom Veranstalter…    

Foto: Frank Richter
Hans-Dieter Hormann
Betreiber des privaten Clown-Museums in Leipzig, Breite Straße 22.
Derzeit arbeitet er an einer „Geschichte des Lachens“.
https://www.clown-museum.de

Jedenfalls habe ich all das nicht vernommen. Weder die originellen Plakate noch die bunten Kostüme noch die vorgetragenen Pantomimen und auch nicht die bedrückende „Tot-Stell-Szene“ – einige der Anwesenden hatten sich in schwarzen Kleidern auf die eiskalten Betonplatten des Augustusplatzes gelegt – erregten öffentliches Aufsehen. Der Protest der Kulturschaffenden blieb still, eben genau so, wie sie ihn angekündigt hatten. Und nicht nur das: er blieb anständig, seriös, ausgewogen und verbindlich. Der Text auf einem hochgehaltenen Plakat brachte ihn auf den Punkt:

„Wir fordern den Erhalt und eine maßvolle Weiterführung des kulturellen Angebotes auch in den Zeiten einer Pandemie. Wir räumen dem Gesundheitsschutz oberste Priorität ein, verlangen aber von den Verantwortlichen, bei Einschränkungen das nötige Augenmaß zu wahren. Theater und Konzerthallen sind sichere Orte. Sie müssen möglichst bald wieder öffnen dürfen. Sie sind mehr denn je wichtige Orte der Bildung und der Kultur. Sie sind gesellschaftlich relevant und unverzichtbar für eine Verständigung darüber, was uns wichtig ist – jetzt und in der Zukunft.“

Diesen klugen und nachvollziehbaren Worten ist nichts hinzuzufügen. Zu ihnen passte die Realität auf dem Platz. Alle Teilnehmer der Demonstration trugen Mund-Nasen-Schutz. Alle bemühten sich um den gebotenen körperlichen Abstand. Den Aufforderungen der drei Polizisten, die am Ende der angemeldeten Demonstration vorbei kamen (Ich sollte besser sagen: vorbei schlenderten.), leisteten sie umgehend Folge. Ich sah, dass ich ausschließlich von kritischen, aber eben auch von verantwortungsbewussten Mitbürgerinnen und Mitbürger umgeben war. Und so bewegen mich am Ende dieses Tages mehrere Fragen. 

Foto: Frank Richter

Warum bekommen diejenigen, die sich den staatlichen Anordnungen beugen, obwohl sie existentiell betroffen sind, weniger öffentliche Aufmerksamkeit als die, die diese Anordnungen ignorieren, lächerlich machen und offen angreifen, obgleich sie vergleichsweise geringere Einschränkungen hinzunehmen haben?

Warum richten sich unsere Blicke vornehmlich auf jene, die sich laut, schrill, provokativ, unverschämt, egoistisch, unsolidarisch, ordnungswidrig und sträflich verhalten, und übersehen die, die die Regeln unseres Zusammenlebens achten?  

Was sagt das aus über uns und über den moralischen Zustand der Gesellschaft? 

Welchen Stellenwert haben Kunst und Kultur in der Öffentlichkeit und für den Staat?

Müssen all jene, die in diesen Bereichen tätig sind, mit ihren Ansprüchen erst laut und unverschämt werden, bis wir sie hören, oder wollen wir warten, bis sie verstummt sind?

Ist es richtig, Ungleiches gleich zu behandeln? Natürlich nicht! Die Kulturwirtschaft trägt in Summe mehr zum Bruttosozialprodukt bei als die Autoindustrie.  

Braucht es nicht eine umfassende und tiefer gehende Auseinandersetzung über die Prioritäten und die Ausgewogenheit der staatlichen Anordnungen zur Pandemiebekämpfung und ebenso eine Debatte zu den Höhen und zu den Quellen (auch den privaten Quellen!) der finanziellen Unterstützung für die betroffenen Branchen? 

Was ist für die Ordnung der Bundesrepublik von basaler Bedeutung, was ist „systemrelevant“? 

Foto: Frank Richter

Für besonders bemerkenswert halte ich, dass die meisten der beteiligten Kunst- und Kulturschaffenden auf meine Nachfrage hin nicht von finanziellen Notlagen sprachen. Ich weiß nicht, ob sie sich schämten, dieses Problem zu benennen, oder ob sie bereits in den Genuss finanzieller Überbrückungshilfen gekommen sind. Diese Hilfen sollen ja nun, endlich, auch Solo-Selbständigen gewährt werden. Was ich demgegenüber häufig zu hören bekam, war die manchmal verzweifelt klingende Angst davor, noch sehr lange Zeit nicht mehr auftreten zu können. Künstler und Kulturschaffende wollen sich äußern. Sie haben uns etwas zu sagen und zu zeigen. Sie brauchen eine Bühne, eine Galerie und gesellschaftliche Resonanzräume, in die sie etwas hinein rufen und aus denen heraus sie etwas zurückbekommen. Das muss nicht immer Applaus sein; Wahrnehmung und Anerkennung allerdings müssen sein. Künstler und Kulturschaffende brauchen uns und wir brauchen sie als „Gerade-Denker“. Nur so können wir den vernünftigen und emotional ausgeglichenen Austausch aufrechterhalten, der verloren zu gehen droht, wenn wir nur noch „Querdenkern“ Aufmerksamkeit schenken. 

Frank Richter, MdL