Februar: schwarz-weiße Vorstellungen in meinem Kopf

Foto: Hannah Schmidt

Vor ziemlich genau einem Jahr, da saß ich an meinem Schreibtisch und habe gelernt. 

Ziemlich viel gelernt, eigentlich nur gelernt. 

Habe Zahlen und Fakten in meinem Kopf zu speichern versucht, um diese dann ein paar Wochen, Monate später, wieder auszuspucken. 

Auf nimmer wiedersehen. 

In meinem Kopf war es still. War gefangen zwischen Büchern und Texten. Habe Fremdworte verwechselt und gelernt, wie sich Ereignisse vernetzten. Habe die Aufklärung in vier Sprachen behandelt und konnte die Paulskirchenverfassung im Schlaf erklären. 

Und dann, dann kam der Tag, an dem all das keine Rolle mehr spielte. 

Frei. Endlich. Vergessen. 

Jede Zahl, jeder Fakt, jede historische These. Verdrängung. 

Das ist nun schon ein paar Monate her. Und mir ist so einiges bewusst geworden, seit ich in dem Recherchezentrum Yahad-In Unum arbeite.  

Für mich bedeutet diese Arbeit, neben all den großen und kleinen Dingen, die ich lerne, vor allem eines: verstehen, ein Bild entwickeln, für den Holocaust. 

Bevor ich nach Paris gezogen bin, wusste ich, dass auf dem Gebiet der einstigen Sowjetunion ein von den Nationalsozialisten geführter Vernichtungskrieg stattfand. Damit habe ich mich beschäftigt. 

Lang und ausführlich. 

Doch was das wirklich bedeutet, das konnte ich nur erahnen. Mir versuchen zu erschließen. 

Doch jetzt… 

Menschen bekommen plötzlich Gesichter, wenn ich Videos von Zeitzeugengesprächen anschaue. Einmal still auswendig gelernte Zahlen von Massenerschießungen bekommen Dimensionen, wenn ich sie da auf diesem grau unterlegten, mit irgendeiner Schreibmaschine abgetippten, Blatt-Papier vor mir sehe, aus welchem ich herausfinden soll, in welchem Ort, wie viele Menschen ermordet wurden. Geschichte wird plötzlich Arbeit, wenn ich Artikel für die sozialen Medien schreibe. 

Foto: Hannah Schmidt

Und Vergangenheit wird tatsächlich Gegenwart, wenn ich dabei helfe neue Bildungsprogramme zu entwickeln oder Konzepte für Veranstaltungen zu erarbeiten. 

Ich bekomme ein Gefühl, verstehe, so langsam. 

Jede Zahl, jeder Fakt, jede historische These. Einprägung. 

Der Holocaust wird klar und deutlich und ich werde sensibilisiert. 

In meiner Sprache und meinem Wissen und meinem Denken. 

Und genau das macht die Arbeit bei Yahad-In Unum aus. 

Diese schwarz-weißen Vorstellungen in meinem Kopf werden klarer. Verständlicher. 

Diese schwarz-weißen Vorstellungen in meinem Kopf werden gefüllt mit Farbe. Langsam. 

Schwarz-Weiß wird farbig. 

Jetzt.