Die Mission der lifeline

Ein Bericht von Bernd Mönch

Am 24.09.2020 fand im Filmpalast Meißen eine wahrlich tief beeindruckende Veranstaltung statt. Viele haben die Gelegenheit genutzt und waren dabei. Für alle die, welche nicht dabei sein konnten, wollen wir kurz einige Eindrücke teilen.

Foto: Konstantin Hananov

Auf dem Podium hatten Platz genommen: Susann Rüthrich (MdB, SPD), Landesbischof Tobias Bilz, Bürgermeister Markus Renner (Meißen), Axel Steier (einer der Protagonisten und Initiatoren von Mission lifeline), Ahmed Al Houri (Syrer, Flüchtling). Frank Richter moderierte die Diskussion.

Frank Richter MdL, Landesbischof Tobias Bilz (Foto: Konstantin Hananov)

Nachdem alle den aufwühlenden Film gesehen hatten, gab es noch eine moderierte Gesprächs- und Fragerunde. Selten hat man Frank Richter so ergriffen erlebt. Es fiel ihm unmittelbar nach den filmischen Eindrücken nicht leicht, seine Ergriffenheit zu unterdrücken. Es war einfach beschämend, wenn man sehen musste, wie Menschen im Mittelmeer (auch Babys und kleine Kinder darunter) um ihr Leben ringen und in Dresden „Absaufen, absaufen, absaufen!“ skandiert wurde.

Der Meißner Bürgermeister Renner betonte anschließend auf Nachfrage, es sei jetzt zum Glück ruhig in Meißen, aber es gebe Leben in der Stadt. Er meinte auch – von Frank Richter eindringlich nachgefragt, wir müssten klar zu unseren Werten stehen. Welche er genau meinte und wer und was „wir“ genau meint, das wurde nicht ganz klar. Auch zum Thema Siegfried Däbritz – immerhin ein Meißner Bürger und einer der Hauptdrahtzieher bei Pegida, der wohl auch eine tragende Rolle im Zusammenhang mit der oben erwähnten Losung spielte – fiel dem Bürgermeister nicht viel ein. Nur dass Meißen keine Rolle spielen könne, wenn es darum ginge, ob man nicht noch Platz für Flüchtlinge in der Stadt habe – das wusste der Herr Bürgermeister (andere deutsche Kommunen hatten dies unlängst erst wieder für sich deutlich reklamiert, darunter auch konservativ geführte). Dafür sei die Stadt nicht zuständig. Da könne man nichts machen. 

Markus Renner (BM Meißen), Axel Steier (Foto: Konstantin Hananov)

Deutliche Worte fand Bischof Bilz. Er zeigte sich als sehr glaubwürdiger Vertreter der Kirche. Evangelium und Barmherzigkeit, christliche Nächstenliebe – all das kann er sehr glaubwürdig vertreten. Warmherzig und brüderlich stellte er sich an die Seite der Seenotretter.

Axel Steier – ein bewunderswert ruhig und sachlich bleibender engagierter Dresdner (für das helle Dresden stehend, für mich ein würdiger Kandidat für das Bundesverdienstkreuz) – hat auch sehr sachlich Fakten ergänzt, welche vielfach schauern lassen. So hat er beispielsweise angemerkt, dass es von den Flüchtlingen über das Mittelmeer etwa 3/4 bis gar 9/10 nicht schaffen würden, eine schrecklich große Zahl Flüchtender somit im Mittelmeer ertrinkt. 80 Boote brauchte es etwa , um sicherstellen zu können, dass niemand im Mittelmeer ertrinken müsste. Meistens werden die wenigen Schiffe, welche wie die „Mission Lifeline“ versuchen, Menschen zu retten, jedoch behindert, festgehalten, beschlagnahmt … EU-Gelder gibt es für die Retter nicht, für andere sehr wohl, beispielsweise die sogenante „Lybische Küstenwache“, welche man getrost als Gegenpart bezeichnen könnte (siehe Film). – Anmerkung BM: Wieviel Geld geben wir eigentlich für Rüstung, z.B. unsere Marine aus? Wieviele Boote hat die Deutsche Marine? Warum ist die Deutsche Marine nicht geeignet oder beteiligt an der Menschenrettung?

Ahmed Al Huri rang um Worte. Er selbst hat auf seiner Flucht erlebt, wie Menschen in seiner Nähe ertrunken sind; viele Menschen, welche nicht mehr leben, welche weniger Glück hatten als er.

Ahmed Al Houri, Susann Rüthrich (MdB, SPD) (Foto: Konstantin Hananov)

Susann Rüthrich hat deutlich gemacht, wie schwierig und langwierig alle diesbezüglichen politischen Bemühungen sind, was auch den vorherrschenden politischen Mehrheitsverhältnissen geschuldet ist. Dennoch gelte es, nicht nachzulassen und weiter alles zu versuchen, um die unerträgliche Situation vieler Flüchtlinge in Europa zu verbessern.

Deutlich wurde, dass wir längst an einem Scheideweg stehen. Wir müssen uns entscheiden – jeder für sich – interessieren uns Leid und Schicksal anderer Menschen oder wollen wir davon nichts wissen, weil wir meinen, es ginge uns nichts an. Papst Franziskus hat sich deutlich für die Flüchtlinge und die Seenotretter stark gemacht. Er hat gefordert, wir müssten aus dem „Mittelmeer-Friedhof“ einen Ort der Hoffnung machen.  Es gibt selbsternannte Retter des Abendlandes. Welche Werte verteidigen diese? Auf Seiten des Papstes stehen diese wohl kaum (siehe Film).

Was könne man tun? Diese Frage beschäftigte viele gestern Abend im Saal. Jede Spende, egal wie klein, hilft wirklich. Das wurde klar. Anfangs kostete laut Axel Steier quasi ein gerettetes Menschenleben etwa 400 € (umgerechnet, wurde diese Summe pro Kopf für die Menschenrettung aufgewandt) – wahrlich eine bescheidene Summe. Inzwischen sei man leider bereits bei etwa der zehnfachen Summe (insbesondere für Gerichtskosten etc. muss immer mehr aufgewandt werden, weil die Seenotretter hart angegriffen werden, ihnen gar Strafen und Gefängnis drohen).

Christliche Nächstenliebe wurde beschworen, Barmherzigkeit und Hilfe für den Nächsten. Jeder könne und müsse selbst entscheiden, wer ihm dieser Nächste sei. Natürlich wäre es ebenso wertvoll und wichtig, wenn man sich um den vereinsamten Alten, den bedürftigen Nachbarn oder den Schwerkranken kümmere. Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit – das sollte jeder leben, darum ginge es.

v.l. n. r. Landesbischof Tobias Bilz, Susann Rüthrich (MdB, SPD), Frank Richter (MdL, SPD). Bürgermeister Markus Renner (Meißen), Axel Steier, Ahmed Al Houri
(Foto: Konstantin Hananov)

Dank auch ausdrücklich an Frank Richter für den nicht leichten Part der Moderation dieses denkwürdigen Abends.

hier ein Artikel in „Der Sonntag“

hier der Trailer

hier der komplette Film

hier der Link zu Mission-liveline.de