Trampen an der B 96

Es ist Urlaubszeit. Dennoch werden viele in diesem Sommer keine weite Reise unternehmen. Politiker und Touristiker legen uns nahe, dass man seine Ferien doch auch in Deutschland verbringen kann. Deutschland ist ein schönes Land. „Warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah?“ lautet ein gängiger Trost. Der Spruch stammt aus Johann Wolfgang Goethes „Erinnerung“. Der zweite Teil wird oft unterschlagen. In ihm heißt es: „Lerne nur das Glück ergreifen. Denn das Glück ist immer da.“

Seit mehreren Wochen versammeln sich sonntags vormittags, zur besten Gottesdienstzeit, hunderte Menschen an der B 96. Sie stellen sich an den Straßenrand, unterhalten sich und strecken diverse Plakate, Fahnen und Symbole in die Höhe. Die Debatte darüber, was sie antreibt, welche Partei dahinter steckt und ob einige von ihnen verbotene Zeichen benutzen, ist längst entbrannt. Sie muss sein. Wer sich in die Öffentlichkeit begibt und demonstriert, muss sich fragen lassen, was er politisch beabsichtigt. Er muss mit Gegenwind rechnen. Gleichwohl scheint mir die politische Reaktion wieder einmal ziemlich oberflächlich. 

Sie sind seltener als in meiner Jugendzeit, aber es gibt sie noch: die Tramper an den Ausfahrtstraßen der großen Städte. Junge Leute stehen am Schnittgerinne. Sie halten den vorbeirauschenden Fahrzeugen Schilder entgegen, auf die sie den Namen einer Stadt aufgemalt haben. Manchmal handelt es sich auch nur eine Himmelsrichtung. Die Botschaft ist in jedem Fall klar: „Bitte halten Sie an und nehmen Sie mich mit! Und tun Sie es kostenlos! Ich habe gerade kein Geld für eine Fahrkarte mit der Deutschen Bahn.“ 

Die Bilder von den Menschen, die sich sonntags an die B 96 stellen, lösten in mir sehr schnell die beschriebene Assoziation aus. Oft ist es nicht so, wie es scheint. Scheinbar haben wir es mit einer neuerlichen Provokation der neuen Rechten zu tun. Wenn alte Männer die Schwarz-Weiß-Rote Flagge schwenken, die schon in der Weimarer Republik als antidemokratisches Protestsymbol verwendet wurde, dann sehen wir darin die Provokation von ewig Gestrigen; eigentlich müsste man sagen: von ewig Vorgestrigen. Wir erkennen die politische Gefahr und ahnen, welche Männer hinter diesen Männern stehen. Wir benötigen die politische Einordnung und müssen politisch reagieren. Gleichermaßen brauchen wir eine vertiefte Analyse. Das Erscheinungsbild ist neu. Die Ursachen sind nicht neu, die Maßnahmen der Regierung gegen die Ausbreitung des Corona-Virus vermutlich nur ein Anlass. An der Peripherie des Landes und der Gesellschaft gibt es Menschen, die sich nicht mitgenommen fühlen. Sie meinen, von oben herab behandelt und nicht ernst genommen zu werden. Sie demonstrieren die Projektion ihrer Aussichtslosigkeit und machen diese zur Zielvorgabe: Zurück in eine vermeintlich besser gewesene Zeit! Zurück in die Vergangenheit eines Reiches, in dem die Deutschen schon deshalb etwas galten, weil sie Deutsche waren! 

Das, was sich an der B 96 zeigt, ist politisch gefährlich. Zugleich ist es Ausdruck der sozialen, ökonomischen, bildungspolitischen und psycho-sozialen Auseinanderdrift unserer Gesellschaft. Dass diese seit vielen Jahren anhält und den Osten Deutschlands infolge des harten, zum Teil demütigenden und ungerechten Transformationsprozesses nach 1990 ungleich stärker prägt als den Westen, sei an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Was lange angewachsen ist, wird nicht schnell vergehen. Die Politik in Sachsen wird sich noch viele Jahre intensiv darum bemühen müssen, die Gesellschaft zusammen zu halten. Den Trampern an der B 96 sei gesagt, dass in der Regel nur die mitgenommen werden, die den Vorbeifahrenden zuwinken und ein freundliches Gesicht zeigen. Die Urlaubsfahrt per Anhalter mag kostenlos sein. Das politische Trampen hat seinen Preis. Jeder Fahrzeugführer sollte sich gut überlegen, wen er mitnimmt. Und jeder Tramper sollte wissen, bei wem er einsteigt. 

Frank Richter