Welch gute und hoffnungsvolle Worte einer jungen Frau… Aktion Sühnezeichen in Aktion

Foto: Hannah Schmidt

Septembergefühle 

Salut, 

ich bin Hannah. 

Hannah, so wie blonde Locken und lautes Lachen.

Hannah, so wie sonnenblumenliebend,

Hannah, so wie Erinnerungen schaffen.

Ich bin 18 Jahre alt und komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Meißen. Ich habe in diesem verrückten-bunten Jahr mein Abitur geschrieben und jetzt, ja und jetzt bin ich seit fast einem Monat mit der Organisation „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ in der Stadt, wo Menschen lieben, wo genossen und getanzt und gelebt wird – in Paris. Hier bin ich nun und arbeite vier Tage in der Woche in einem Recherchezentrum namens Yahad-In Unum, welches sich als Ziel gesetzt hat, die Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung, sowie der Sinti und Roma durch die NS-Einsatzgruppen in Osteuropa zu erforschen. Auf die Frage, wo ich wohne, kann ich eine ziemlich gute Antwort geben: In einer Kirche in der Nähe der Moulin Rouge, also dem Sexviertel von Paris. Aus meinem Fenster sehe ich nachts den Sacré Coeur leuchten und kann in typische Paris-Fenster schauen. Und wenn ich abends von der Arbeit komme, dann warten meine sechs Mitbewohnerinnen auf mich. 

Foto: Hannah Schmdt

Ja, es lebt sich gut hier. Ich lebe gut hier. 

Wie waren denn nun die ersten Wochen? 

Nach fünf Orientierungstagen in der kleinen französischen Stadt Verdun, ging es nach Paris. Sind Sie schon einmal mit einem Koffer und zwei Rucksäcken bei 30 Grad, 10 Kilometer durch eine Großstadt gelaufen? Nein? Ich kann es Ihnen nicht empfehlen. Oder doch, vielleicht schon. Wenn Sie die Stadt spüren wollen, mit jedem kleinen Muskel. 

Na ja, und dann, dann war ich plötzlich da. Aber noch lange nicht angekommen, das bin ich immer noch nicht so ganz. Die ersten Tage waren touristisch und gefühlvoll. Neben IKEA-Besuchen haben wir die letzten Pariser-Sommertage ausgenutzt und sind einfach nur gelaufen und haben gestaunt. Es waren Marmeladenglas-Momente. Und dann fing auch schon die Arbeit im Recherchezentrum an. Ich laufe seither also jeden Morgen zur Metro-Station, vorbei an lecker riechenden Boulangerien und so gutaussehenden Menschen. Auf der Arbeit, im Büro, habe ich meinen eigenen Arbeitsplatz, an dem ich Zeitzeugenberichte lese, übersetze und sortiere, PowerPoint Präsentationen anfertige und mich in meinen Mittagspausen mit meinen Mitarbeiter*innen unterhalte. Oft gilt noch das Motto „Je ne parle pas français“, aber es wird, ja langsam wird es gut, wird besser. 

Und nun ist auf einmal, seit ein paar Tagen der Herbst eingezogen in Paris. Ganz vorsichtig und mit Bedacht oder energisch laut fallen dann die Regentropfen auf die Straßen der Stadt. Und trotz dessen, dass der Himmel grau ist, erscheint es oft ganz hell hier. Denn dieser Ort ist hell, ist weiß. Es ist eine weiße Stadt. Dieser Herbst scheint ein gefühlvoller zu werden, gefühlvoll, so wie die Stadt. Diese, in der Menschen liebend am Wegesrand sitzen, diese in der jeder „ich“ sein kann, ohne zu hinterfragen. Diese Stadt ist aufgeladen mit wundersamen, magischen Momenten. 

Tag für Tag. 

Und für den nächsten Monat nehme ich mir vor, mehr zu sprechen, mehr miteinander zu reden. Ich glaube der Oktober wird toll, denn ich glaube, wir können vielmehr als gedacht, ich glaube, wir können, was wir uns trauen.

Wir brauchen nur Wünsche, größer als Angst. 

Hannah Schmidt