Welch gute und hoffnungsvolle Worte einer jungen Frau… Aktion Sühnezeichen in Aktion

Foto: Hannah Schmidt

Seit 1. September lebt Hannah Schmidt nun in Paris. Jeden Monat schrieb sie ihre Eindrücke. Jetzt gibt sie einen zusammenfassenden Projektbericht.

Die Suche nach Wunder-Momenten, im November 

Warst du heute schon eine Stunde spazieren?

Welchen Grund schreiben wir auf unsere Ausgangsbescheinigung?

Ich habe keine Lust auf die nächste Woche, jeder Tag ist doch derselbe! 

Hast du gesehen, bei der Galerie La Fayette leuchtet schon die Weihnachtsdeko, so magisch. 

Frühstücken wir am Sonntag wieder gemeinsam? 

Ich glaub, ich fahr nach Deutschland, ich will nicht mehr. 

Oh heute war in sooo schöner Tag. 

Foto: Hannah Schmidt

Fragen. So voller Fragen, war der November.

Und Gefühle. So voller Gefühle war jeder einzelne Tag. Mal gut, mal nicht gut. Im November befand sich Paris im Confinement, im Lockdown. Paris befand sich in einer Blase und wir, ich, sind mit geschwebt, einfach so, irgendwie. Wie ist es also, wenn eine so große Stadt plötzlich auf „Pause“ schaltet, kurz anhält?

Die Straßen waren ruhiger. Weniger Menschen, weniger Stress, weniger lachende Augen. Die Metros waren leer. Wirklich leer und ich bin gelaufen, viel mehr gelaufen. Die Geschäfte waren verlassen. Doch wenn man die Augen geschlossen hat, dann war Paris immer noch dasselbe. 

Und ich? 

Ich habe Tag ein Tag aus vor mich hingelebt. Lockdown in Paris bedeutete, eine neue Routine finden und dabei die alte nicht vergessen, bedeutete Abwechslung zu suchen, irgendwie. Sonntags ausschlafen und gemeinsam frühstücken, jeden Abend spazieren gehen, um etwas anderes zu sehen, Sport machen, kochen, backen, telefonieren. Und dann war es okay, man hat sich irgendwie daran gewöhnt, an diese neue alte Routine. 

Foto: Hannah Schmidt

Denn es gab immer noch Arbeit. Da waren immer noch E-Mails, die beantwortet werden mussten und Telefonate, die geführt wurden und Newsletter die zu übersetzen waren und Artikel, die ich geschrieben habe. 

Und das tat gut, es tat gut gebraucht zu werden, irgendwie, irgendwo. 

Lockdown in Paris bedeutete aber auch, schlechte Tage zuzulassen.

Es gab so viele Tage, an denen ich mit meinen Mitbewohnerinnen zusammensaß und wir nicht wussten wohin mit uns selbst. So klein fühlten wir uns auf einmal in dieser großen Stadt, so verloren in den Straßen von Paris, so erdrückt von den Wänden unserer eigenen Wohnung. 

Paris war anders in den letzten Wochen. So viel ruhiger, wie auf Sparflamme. 

Ja, es gab diese schlechten Tage, diese endlos scheinenden Wochen. Montags gehe ich in das Büro und dann, dann fühlt sich jeder Tag so gleich an. Und das war und ist kein gutes Gefühl. 

Doch dann, dann ist man abends spazieren gegangen. Es war dunkel, nicht so kalt, die Luft ganz klar und dann hat man nach oben geschaut und die Häuser der Stadt gesehen und manchmal Sacré Coeur und manchmal die glitzernde Spitze des Eifelturms und dann musste man lachen, weil sich dieser Moment dann angefühlt hat, wie ein großes kleines Wunder. 

Und Wunder geschehen, ich hab’s gesehen. 

Und daran hat man sich festgehalten. An diesen Wunder-Momenten. 

Foto: Hannah Schmidt

Und jetzt, jetzt ist immer noch Lockdown. Aber gelockerter. Wir dürfen jetzt länger, drei Stunden, spazieren gehen und die Läden haben wieder geöffnet und es gibt überall Corona-Schnelltest Stationen. Und Paris taut langsam wieder auf und die Menschen kommen langsam wieder aus ihren Häusern. 

Langsam und vorsichtig. 

Und jetzt, jetzt liegt ein Weihnachtszauber über der Stadt. 

Es riecht nach Räucherkerzen, die Straßen sind beleuchtet, überall stehen Weihnachtsbäume und die Menschen laufen durch die Straßen. 

Das ist ein schönes Bild. 

Oktober, so wundersam

Foto: Hannah Schmidt

Ist wirklich schon wieder ein Monat vergangen? 

Bin ich nun wirklich schon seit 6 Wochen in meinem Projekt? 

Es fühlt sich nicht so an. Nein, es könnten zwei Wochen sein. Aber genauso auch drei Jahre. 

Was ist passiert in den letzten vier Wochen? 

Es waren wundersame Wochen. So voller Wunder, so voller Fragen. Die Tage vergingen zu schnell, um alles zu rekonstruieren. Die Momente waren oft zu verschwommen, um sich an jeden Blick, jeden Handschlag zu erinnern. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren oft die gleichen – vertraut unvertraut. Im Oktober wurde Paris mehr Heimat in mir und ich bewusster. 

Hab jetzt meine Lieblingsbäckerei: an der Metrostation. 

Hab jetzt mein Stammrestaurant: der Georgier. 

Hab jetzt mein Freitags-in-der-Sonne-spazieren – Viertel: das Montmartre. 

Hab jetzt Familie hier, irgendwie. 

Ich glaube, ich komme so langsam an. Und trotzdem ist alles noch so wundersam neu. Immer wenn ich Sacré Coeur sehe, dann muss ich vor Freude lächeln und immer, wenn die Spitze des Eifelturms durch die Häuser ragt, dann kommt ein „wooow“ aus mir heraus. 

Jede Ecke enthält so viele vertraute unvertraute Gefühle in mir. 

Und im Oktober habe ich gelacht, viel gelacht, mit tollen Menschen. Ich bin durch Museen gelaufen, über Flohmärkte geschlendert, habe mehr gesprochen und mehr verstanden, ein bisschen, habe nicht gespart und angefangen zu genießen. Jeden einzelnen, kleinen Moment.  Tut gut. Denn was schön ist, kann ganz einfach sein. 

Im Oktober gab es Kochabende, Nachtspaziergänge, durchredete Abende. Es wurden Plätzchen gebacken, im Oktober, es wurden Bilder aufgehängt. Und dann gab es aber auch Zweifel, oh und so viele Fragen, im Oktober. Und das ist okay. Ja, ich glaube es gehört dazu. Denn Paris hat sich verändert in den letzten Wochen. Die Corona Pandemie hat das Leben hier verändert. Für einige Wochen gab es eine Ausgangssperre ab 21 Uhr. Nun waren die Bars und Restaurants eben schon ab 18 Uhr voller Menschen. Und irgendwie war das okay so, niemand schien etwas zu sagen. Ganz gegensätzlich war Paris in diesen Wochen. 

Und jetzt, ja jetzt sitzen wir seit drei Tagen im „confinement“, dem Lockdown. Und Paris ist leiser geworden in den letzten Tagen und die Menschen schneller. Keine langen Spaziergänge mehr, keine Menschen in den kleinen Cafés an der Ecke, kein joggen durch den Park Monceau, weil er zu weit weg ist, keine Seine in Sichtweite. Und das bedeutet, dass das Leben jetzt langsamer wird. Tag ein Tag aus. Die Häuserfassaden bleiben dieselben, die Menschen in ihnen ändern sich und schreiben ihre eigenen Geschichten – Minute für Minute, Stunde für Stunde. Und ist das nicht auch schön, irgendwie? Wenn man sich für eine kurze Zeit ganz auf sich besinnen kann und Paris für eine kurze Zeit aus dem Fenster beobachtet. Denn die Stadt bleibt, sie bleibt da. Ich sehe immer noch jeden Abend Sacré Coeur aus meinem Fenster leuchten, höre immer noch jeden Morgen die Busse durch die Straße fahren und rieche immer noch frisches Baguette in den Boulangerien. 

Paris bleibt. 

Nur wir Menschen verändern uns, vielleicht, Tag für Tag ein bisschen. Wahrscheinlich wird der November anders werden. Anders für mich, für meine Arbeit, für meine WG, für Paris. 

Vielleicht kommt es zu tiefen Gesprächen und Fragen ohne Antworten.

Vielleicht kommt es zu Zweifeln und traurig sein. 

Aber auf jeden Fall ist der nächste Monat da, um Geschichten zu schreiben, und um zu erleben und zu genießen und zu verstehen – einander. Und, um zu lernen. Lernen über mich und über uns. 

Ich heb mein Glas heut‘ auf den November und das, was jetzt kommen wird! 

Hannah Schmidt

Foto: Hannah Schmidt

Septembergefühle 

Salut, 

ich bin Hannah. 

Hannah, so wie blonde Locken und lautes Lachen.

Hannah, so wie sonnenblumenliebend,

Hannah, so wie Erinnerungen schaffen.

Ich bin 18 Jahre alt und komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Meißen. Ich habe in diesem verrückten-bunten Jahr mein Abitur geschrieben und jetzt, ja und jetzt bin ich seit fast einem Monat mit der Organisation „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ in der Stadt, wo Menschen lieben, wo genossen und getanzt und gelebt wird – in Paris. Hier bin ich nun und arbeite vier Tage in der Woche in einem Recherchezentrum namens Yahad-In Unum, welches sich als Ziel gesetzt hat, die Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung, sowie der Sinti und Roma durch die NS-Einsatzgruppen in Osteuropa zu erforschen. Auf die Frage, wo ich wohne, kann ich eine ziemlich gute Antwort geben: In einer Kirche in der Nähe der Moulin Rouge, also dem Sexviertel von Paris. Aus meinem Fenster sehe ich nachts den Sacré Coeur leuchten und kann in typische Paris-Fenster schauen. Und wenn ich abends von der Arbeit komme, dann warten meine sechs Mitbewohnerinnen auf mich. 

Foto: Hannah Schmdt

Ja, es lebt sich gut hier. Ich lebe gut hier. 

Wie waren denn nun die ersten Wochen? 

Nach fünf Orientierungstagen in der kleinen französischen Stadt Verdun, ging es nach Paris. Sind Sie schon einmal mit einem Koffer und zwei Rucksäcken bei 30 Grad, 10 Kilometer durch eine Großstadt gelaufen? Nein? Ich kann es Ihnen nicht empfehlen. Oder doch, vielleicht schon. Wenn Sie die Stadt spüren wollen, mit jedem kleinen Muskel. 

Na ja, und dann, dann war ich plötzlich da. Aber noch lange nicht angekommen, das bin ich immer noch nicht so ganz. Die ersten Tage waren touristisch und gefühlvoll. Neben IKEA-Besuchen haben wir die letzten Pariser-Sommertage ausgenutzt und sind einfach nur gelaufen und haben gestaunt. Es waren Marmeladenglas-Momente. Und dann fing auch schon die Arbeit im Recherchezentrum an. Ich laufe seither also jeden Morgen zur Metro-Station, vorbei an lecker riechenden Boulangerien und so gutaussehenden Menschen. Auf der Arbeit, im Büro, habe ich meinen eigenen Arbeitsplatz, an dem ich Zeitzeugenberichte lese, übersetze und sortiere, PowerPoint Präsentationen anfertige und mich in meinen Mittagspausen mit meinen Mitarbeiter*innen unterhalte. Oft gilt noch das Motto „Je ne parle pas français“, aber es wird, ja langsam wird es gut, wird besser. 

Und nun ist auf einmal, seit ein paar Tagen der Herbst eingezogen in Paris. Ganz vorsichtig und mit Bedacht oder energisch laut fallen dann die Regentropfen auf die Straßen der Stadt. Und trotz dessen, dass der Himmel grau ist, erscheint es oft ganz hell hier. Denn dieser Ort ist hell, ist weiß. Es ist eine weiße Stadt. Dieser Herbst scheint ein gefühlvoller zu werden, gefühlvoll, so wie die Stadt. Diese, in der Menschen liebend am Wegesrand sitzen, diese in der jeder „ich“ sein kann, ohne zu hinterfragen. Diese Stadt ist aufgeladen mit wundersamen, magischen Momenten. 

Tag für Tag. 

Und für den nächsten Monat nehme ich mir vor, mehr zu sprechen, mehr miteinander zu reden. Ich glaube der Oktober wird toll, denn ich glaube, wir können vielmehr als gedacht, ich glaube, wir können, was wir uns trauen.

Wir brauchen nur Wünsche, größer als Angst. 

Hannah Schmidt

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