Würdigung der Staatlichen Kunstsammlungen

Abb: Die „Sixtinische Madonna“ von Raffael in der Gemäldegalerie Alte Meister in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Für einen wissenschaftlichen Umgang mit der Rezeptionsgeschichte

Frank Richter im Sächsischen Landtag

Der Antrag der AfD-Fraktion „Für einen selbstbewussten Umgang mit der
Rezeptionsgeschichte – Politisch motivierte Umbenennungen zurücknehmen“ wird vonseiten der SPD abgelehnt. Bevor ich die Ablehnung begründe, Eines vorweg: Wer sich in das Welt- und Geschichtsverständnis der AfD hineinversetzt, wird zu dem Schluss kommen: Der Antrag ist folgerichtig. Er atmet exakt den Ungeist eines Deutschlandbildes, der die Bundesrepublik zurückführen möchte ins 19. Jahrhundert, ins wilhelminische Deutschland.
Der Antrag ist vor dem gedanklichen Hintergrund der Antragsteller nicht falsch.
Vor meinem gedanklichen Hintergrund ist er rückwärtsgewandt, unlogisch und gefährlich.
Zur Begründung:
Dazu wäre eine Fülle von Argumenten vorzutragen. Der knappen Zeit wegen muss ich mich auf drei beschränken.

Erstens:
Die AfD-Fraktion fordert „einen selbstbewussten Umgang mit der Rezeptionsgeschichte von Kunstwerken“.
Nun, ich hatte die große Freude, mit Frau Marion Ackermann, der Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, mit Frau Stefanie Buck, der Direktorin des Kupferstichkabinetts, und mit Herrn Marius Winzeler, dem Direktor des Grünen Gewölbes, zu telefonieren und mich von Ihnen über die Gründe und Motive der veränderten Werkbezeichnungen informieren zu lassen. Ich habe mit drei selbstbewussten Persönlichkeiten gesprochen. Sie sind überzeugt von dem, was sie tun – nicht, weil sie sich überschätzen oder gar absolut setzen. Ihre Überzeugung beruht auf Nachdenklichkeit und Gewissenhaftigkeit.
Ich nutze die Gelegenheiten, den Verantwortlichen in den Staatlichen Kunstsammlungen von hier aus von Herzen für Ihre Arbeit zu danken. Alle Versuche, Sie aus ideologischen, partei- oder machtpolitischen Gründen unter Druck zu setzen, werden auf den Widerstand der SPD-Fraktion stoßen.

Zweitens:
Die AfD-Fraktion betont die Bedeutung der Rezeptionsgeschichte von Kunstwerken. Zugleich fordert sie die Rücknahme veränderter Bezeichnungen.
In Wirklichkeit ist es so, dass diese Veränderungen in keinem Fall willkürlich erfolgen. Sie basieren auf neuen Erkenntnissen, auf intensiven Debatten innerhalb der Institution der Staatlichen Kunstsammlungen (SKD) und sie gehen einher mit einer differenzierenden Unterrichtung über die Gründe. Frau Marion Ackermann hat es auf den Punkt gebracht, als sie sinngemäß formulierte: Einerseits: Historische Begriffe und Bezeichnungen verschwinden nicht. Andererseits: Die Vergabe neuer Begriffe und Bezeichnungen wird erläutert und begründet.
Das ist genau das kritische und wissenschaftlich fundierte Arbeiten, was der Freistaat Sachsen von den SKD erwartet.

Aber zurück zum Antragsteller:
Die AfD-Fraktion betont die Bedeutung der Rezeptionsgeschichte und fordert im selben Atemzug deren Abbruch. Das ist in sich unlogisch.

Drittens:
Die AfD-Fraktion verlangt de facto einen Beschluss des Landtags mittels dessen er die Staatsregierung auffordert, die fachliche Expertise der SKD beiseite zu schieben und politische Vorgaben im Hinblick auf Kunstwerke durchzusetzen.
Hier zeigt sich deutlich ein autoritäres Denkmuster, von dem ich inständig hoffe, dass es nie wieder zum politischen Handlungsmuster wird. Das Staatsministerium für Kultur hat die Rechtsaufsicht über die SKD. Es hat nicht die Fachaufsicht. An der fachlichen Qualität der Arbeit in den SKD besteht kein Zweifel. Sie genießen nationale und internationale Anerkennung und Wertschätzung.
Kein Mensch ist gezwungen, jede einzelne Entscheidung gut zu finden. Wer sich bemüht, diese nachzuvollziehen und zu verstehen und nachfragt, wird auf kluge Expertinnen und Experten stoßen, die ihre Entscheidungen offen und ehrlich kommunizieren.

Kolleginnen und Kollegen der AfD-Fraktion:
Ich schlage vor, den Namen Ihrer Partei mit einem Untertitel zu versehen: „Partei für die Rückkehr Deutschlands ins 19. Jahrhundert“. Das wäre ein Service für alle, die sich nicht in die Abgründe und Untiefen Ihres Antrags begeben können. Und, da richtige Begriffe und Bezeichnungen der Klärung von Sachverhalten dienen, schlage ich allen anderen Kolleginnen und Kollegen vor, uns, die wir Deutschland zukunftsorientiert denken, die selbst ernannte AfD auf unseren Seiten „Alternative gegen Deutschland“ zu nennen. Nach nur einem Mausklick könnte den Lesern erklärt werden, warum sich diese Partei einen irreführenden Namen gegeben hat.

18.11.2021