Gedanken zu einem der dunkelsten Ereignisse der deutschen Geschichte

Foto: © 2017 Förderverein Frauenkirche Meißen e.V.

Gestern Abend, am 9. November 2020, müssen zwei Veranstaltungen nahezu zeitgleich stattgefunden haben: Bei der „Pegida“ Demonstration auf dem Dresdner Altmarkt sprach Andreas Kalbitz, AfD-Politiker und ausgewiesener Rechtsextremist. Die Stadt sah keine Möglichkeit, diese Provokation im Herzen des barocken Dresden zu verhindern. Die offizielle Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Reichspogrom-Nacht war wegen der Corona-Schutzbestimmungen abgesagt worden. Die Versuche von „Pegida“ hingegen fand statt. Den Worten von Landesrabbiner Zsolt Balla ist nichts hinzuzufügen: „Es ist absolut geschmacklos und geschichtsvergessen, dass an einem Tag wie dem 9. November eine Pegida-Demo in Dresden durchgeführt werden darf.“ Die Innenstadt von Meißen, 24 Kilometer von Dresdens Altmarkt entfernt, war in den Abendstunden nahezu menschenleer. In der Frauenkirche hatten sich ca. 15 Menschen versammelt, um bei Kerzenschein und jüdischen Gesängen dessen zu erinnern, was sich vor 82 Jahren auch in Meißen ereignet hat. Ich konnte dabei sein und fand in der Mitte dieser Gruppe ein wenig Ruhe und inneren Trost.

Die Worte, die Pfarrer Oehler sprach, werden hier – mit seiner Erlaubnis – wiedergegeben. 

Die Reichspogromnacht wurde am Abend des alljährlichen Treffens der NSDAP-Führerschaft anlässlich des gescheiterten Hitler-Putsches am 9. November 1923 nach Zustimmung Hitlers von Propagandaminister Josef Goebbels durch eine Hetzrede ausgelöst.  Anschließend gaben die SA-Führer von München aus telefonisch entsprechende Befehle an ihre Stäbe und Mannschaften durch. 

Das Attentat am 7. November 1938 auf den Legationsrat der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath durch den – wegen des Schicksal seiner Familie verzweifelten siebzehnjährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan – wurde zum Anlass für einen gegen die Juden gerichteten und angeordneten Pogrom genommen – eine Mord-, Brandstiftungs- und Plünderungs-, in letzter Konsequenz auch Raub- und Vertreibungsaktion bisher nicht gekannten Ausmaßes. 

In einem barbarischen Terrorakt setzten SA- und NSDAP-Mitglieder Synagogen in Brand, deren Trümmer später z.T. gesprengt wurden. Sie zerstörten etwa 7000 Geschäfte jüdischer Einzelhändler und verwüsteten Wohnungen der Juden. Sie töteten nach offiziellen Angaben insgesamt 91 Personen. Die Zahl derer, die infolge von Leid und Schrecken umkamen, ist nicht bekannt.           

SS und Gestapo organisierten die Verschleppung einer nicht exakt festgestellten Zahl jüdischer Männer und Jugendlicher (etwa 26.000) in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen. Viele von ihnen kamen dort infolge von körperlichen und psychischen Schikanen, von Medikamentenentzug u.a. um.

An den Aktionen beteiligten sich auch Angehörige der Hitlerjugend und weiterer NS-Organisationen. Der Mob nutzte die Chance zur Plünderung. Die Deutschen wurden Zeuge, wie die Menschenrechte und die Menschenwürde im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten wurden. 

Unter den Gaffern wurde gejubelt und gejohlt, andere haben schweigend oder gleichgültig hingenommen, was geschah. Die Juden wurden in dieser Nacht nahezu allein gelassen. Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit.                   

Wir gedenken der jüdischen Meißner Familien, die verfolgt, vertrieben und vernichtet wurden.

Pfarrer Bernd Oehler – vorgetragen in der Frauenkirche Meißen am 9.11.2020